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Kolumne: Über Konservative und die (Homo-) Ehe

„Du Homo!“ ist auf vielen Schulhöfen eine alltägliche Beschimpfung. Habe ich schon damals nicht verstanden, ist mir aber auch egal. Jedenfalls ist das einer der Gründe, weshalb ich nicht über die Homo-Ehe spreche, sondern über die Ehe. Ich bezeichne mich – und das ist auch die Wahrnehmung großer Teile meines Umfelds – als ziemlich konservativ. Ich bin Wertekonservativ und als deutscher Sozialdemokrat zwangsläufig auch irgendwie Strukturkonservativ. Werte, Normen und Regeln setzen den Rahmen für ein gesundes Miteinander.

Nun ist es aber ein Unterschied, ob man konservativ oder rückschrittlich ist. Finden zwei Menschen zueinander, übernehmen Verantwortung für ihren Lebenspartner und möchten heiraten, ist das wunderschön. Vor allem aber ist es erzkonservativ. Die Ehe ist wichtig. Sie gibt Geborgenheit, Verlässlichkeit und Halt in guten wie in schlechten Zeiten. Diese Einstellung ist ebenso romantisch wie konservativ. Mir gefällt dieses konservative Lebensmodell und ich bin glücklich und zufrieden mit meiner Lebensgefährtin, meinem Hund und der Vorfreude auf Kinder. Ich nenne das Familie und habe für mich entschieden, dass das auch wirklich Familie ist. Familie ist, nach Hause zu kommen und erwartet zu werden. Familie ist der gemeinsame Urlaub. Familie ist, wenn man weiß, da ist jemand für mich da. Dabei spielt es absolut keine Rolle, ob diese Familie aus zwei Männern, zwei Frauen oder einem Mann und einer Frau besteht.

Ich gehöre mit Sicherheit nicht zu den vermeintlich Linken, die sagen, sie hätten ihr Geschlecht überwunden. Ich habe vielleicht Krisen und Rückschläge und Kopfschmerzen überwunden. Aber mein Geschlecht? Nein, das möchte ich nicht überwinden. Ich glaube auch nicht, dass man Schulkinder in Lehrbüchern illustrativ mit Homosexualität, Sex mit Tieren oder Objektophilie konfrontieren muss. Ich bin aber durchaus der Überzeugung, dass man nicht gegen gleichgeschlechtliche Ehen sein kann, weil man konservativ ist. Ganz im Gegenteil: Man kann gegen gleichgeschlechtliche Ehen sein, obwohl man konservativ ist. Nur braucht man dann eine bessere Begründung.

Das überraschende Ja der mehrheitlich christlich konservativen Iren zur Homo-Ehe bringt die große Koalition ganz schön ins Schwitzen. Es riecht nach Männerschweiß. Erstes Sturmfeuer: „Das ist nicht im Koalitionsvertrag vereinbart“. Mein lieber Herr Gesangsverein! Lasst uns nur hoffen, dass keine Naturkatastrophen, Kriege, Wirtschaftskrisen und Reaktorunglücke auf uns zukommen. Die Lösung solcher außerplanmäßigen Ereignisse ist nicht im Koalitionsvertrag vereinbart. Zweites Schnellfeuer: „Meine konservative Einstellung zur Ehe und Familie lässt das nicht zu“. Wie bereits weiter oben erwähnt, ist diese Einstellung nicht konservativ. Sie ist homophob. Ich möchte nicht, dass homophobe und rückschrittliche Politiker den Konservativismus für ihre Tiraden missbrauchen.

Ich habe Verständnis für jede Form der politischen Differenz. Ich akzeptiere es auch voll und ganz, wenn jemand gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen argumentiert. Nur sind mir noch keine stichhaltigen Argumente in der Debatte begegnet.

 

Der jetzt ins Rollen gekommene gesellschaftlich moralische Dialog zeigt, wie politisch unsere Gesellschaft ist. Für die Bundesregierung ist dieser Austausch eine wichtige Möglichkeit, Vertrauen der Menschen zurück zu gewinnen. Wir brauchen keine Volksabstimmung in dieser Frage. Wir haben ein funktionierendes Parlament und deshalb:

 

Frau Merkel, heben Sie den Koalitionszwang in der Angelegenheit auf und geben Sie die Abstimmung für eine echte Gleichstellung frei!

 

Zum Autor:

Andreas Cierpiol ist 29 Jahre alt und Vorsitzender des SPD Ortsvereins Dortmund Nord. Seine Meinung in dieser Kolumne spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung seines Ortsvereins oder der übergeordneten SPD-Gliederungen wider.